Bezirksgruppe Ruhrgebiet

Mehrtägige Fachexkursion der Bezirksgruppe Ruhrgebiet an die Ostsee, 2005

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Das Ziel unserer mehrtägigen Fachexkursion im Jahre 2005 waren die Hansestädte Hamburg, Lübeck und Rostock. Am 27.04.2005 brachen wir mit 19 Mitgliedern und Freunden unserer Bezirksgruppe auf.

In Hamburg legten wir einen Zwischenstopp ein, um beim Deutschen Wetterdienst seine Aufgaben und Arbeit, insbesondere hinsichtlich Sturmflutwarnungen an der Ostsee und der gutachterlichen Stellungnahmen zu Windenergieanlagen, näher kennen zu lernen.

In der Niederlassung Hamburg, oberhalb der Landungsbrücken, wurden wir durch den stellvertretenden Amtsleiter, Herrn Klaus-Ulrich Pingel, begrüßt, der die Niederlassung kurz vorstellte. Anschließend erläuterte Herr Günter Delfs, Pressereferent der Niederlassung Hamburg, uns die Grundzüge der Wettervorhersage und deren Entwicklung.
Grundlage aller meteorologischer und klimatologischer Arbeiten und Dienstleistungen ist die kontinuierliche Messung und Beobachtung der Atmosphäre, um wetterbedingte Schadensfälle zu verhindern. Diese Datengewinnung erfolgt nicht nur durch die Beobachtung des Wetterzustandes an stationären Wetterstationen, sondern auch durch Informationen durch Flugzeuge, der Schifffahrt und von Satelliten. Dieses weltweite Beobachtungsnetz führt zu einer fast lückenlosen Überwachung des gesamten Wettergeschehens. Mit dieser Datenflut werden Wettermodelle berechnet, die aber noch zwingend durch den Menschen interpretiert werden müssen. Die daraus sich ergebenden Wettervorhersagen reichen maximal 10 Tage voraus.

Im Anschluss an diesen Grundlagenvortrag stellte Frau Isokeit die Arbeit des DWD bei der Erstellung amtlicher Gutachten vor. Diese Gutachten werden z.B. für die Planung von Bauvorhaben (Berechnung von Kaltluftabflussmodellen), Analysen für die Prädikatisierung von Kurorten oder für Ertragsgutachten von Windenergieanlagen erstellt. Aber auch Versicherungen fragen vor Schadensregulierungen beim DWD nach der Amtlichen Blitzauskunft oder nach gemessenen Windgeschwindigkeiten an.

Der dritte Vortrag wurde von Herrn Navarra-Müller von der Bundesanstalt für Seeschifffahrt und Hydrologie lebhaft vorgetragen. Diese Behörde versteht sich als maritimer Dienstleister für die verschiedensten Bereiche und Zielgruppen. So werden Gezeitenkalender errechnet, See- und Sportbootkarten herausgegeben, Wasserstände und Sturmfluten vorhergesagt, Strömungen und Drift ermittelt und Genehmigungen für Offshore-Aktivitäten erteilt. Insbesondere hob Herr Navarra-Müller die Schnittstelle seiner Behörde zu dem Deutschen Wetterdienst bei der Vorhersage von Sturmflutereignissen hervor.

Vor unserer Weiterfahrt nach Lübeck haben wir zum Abschluss dieser informativen Vortragsreihe von Herr Delfs ein auf unsere weitere Exkursion angepasste Wettervorhersage erhalten, an die sich Petrus auch weitestgehend gehalten hat.

Am 2. Tag unserer Exkursion haben wir am Vormittag die Baustelle des Herrentunnels in Lübeck besichtigt. Wir wurden durch Herrn Dipl.-Ing. Laubenstein, Projektleiter der Arbeitsgemeinschaft Herrentunnel Lübeck, im Informationszentrum der Baustelle begrüßt, wo wir zunächst einen Überblick über die Baumaßnahme erhielten.

Es kreuzen sich hier zwei Verkehrsadern, eine viel befahrene Bundesstraße und der Schifffahrtsweg der Trave. Bisher wird die Bundesstraße über eine Klappbrücke geführt, was den Verkehrsfluss immer wieder unterbricht. Da diese Brücke baufällig geworden ist, musste eine Alternative geschaffen werden. Die Stadt Lübeck wollte einen Tunnel, um weitere Verkehrsbehinderungen zu vermeiden. Der Bund ist jedoch nur in der Lage, Mittel für eine neue Brücke zu tragen. Für die Mehrkosten, die durch den Bau eines Tunnels entstehen, musste eine alternative Finanzierungsquelle gefunden werden. Die Lösung waren private Investoren in Partnerschaft mit der Stadt Lübeck als Konzessionsträger. Dieser private Investor, die „Herrentunnel Lübeck GmbH & Co. KG“ finanziert, baut und betreibt den Tunnel für die nächsten 30 Jahre. Danach wird die Stadt Lübeck die Betreiberin.
Dies ist das zweite privat finanzierte Tunnelbauprojekt in Deutschland, der durch die Arbeitsgemeinschaft Herrentunnel Lübeck, ein Gemeinschaftsunternehmen der Bilfinger Berger AG und der Hochtief Construction AG geplant und gebaut wird.
Für die Tunneldurchfahrt wird eine Maut erhoben werden, deren Höhe durch eine Verordnung des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen erlassen wird.
Die Gesamtlänge des Tunnels beträgt knapp 1 km, der tiefste Punkt liegt 31 m unter dem Wasserspiegel der Trave.
Bei der Tunnellösung müssen zwei übereinander liegende grundwasserführende Schichten durchfahren werden. Die untere Schicht dient der Stadt Lübeck zur Trinkwassergewinnung, während der obere Leiter in seiner Qualität beeinträchtigt ist, so dass beide Leiter strikt von einander getrennt gehalten werden müssen. Dies ist durch das hier gewählte Schildvortriebsverfahren gewährleistet. Hierbei werden die zwei parallel verlaufende Tunnelröhren mit einer Hydro-Mix-Schildmaschine vorgetrieben. Der Außendurchmesser beträgt 11,30 m, die 45 cm starke Wandung besteht aus sieben vorgefertigten, 1,50 m langen Stahlbeton-Segmenten, wovon die sechs größeren je ca. 9 Tonnen wiegen. Eine Röhre besteht somit aus 3.630 so genannter Tübbingen. Die Herstellungstoleranz für die vorgefertigten Tübbinge beträgt weniger als 1mm, da ansonsten die Segmente keinen gleichmäßigen Ring ergeben würden und sie sich untereinander nicht richtig abstützen könnten. Diese große Anzahl an Fertigteilen war ein logistisches Problem, zumal der Lagerplatz auf der Baustelle beschränkt war.
Zum Abschluss dieses Programmpunktes sind wir die beiden Tunnelröhren abgegangen und haben uns von dem fast fertig gestellten Zustand des Projektes überzeugen können. Es ist somit der Stadt Lübeck gelungen, ihr Ziel eines kreuzungsfreien Verkehrsknotenpunktes zu Land und zu Wasser umzusetzen, ohne dass der städtische Haushalt mehr belastet wird. Inwieweit dieser Tunnel in der Bevölkerung akzeptiert wird, werden erst die nächsten Jahre zeigen. Wir wünschen diesem mutigen Projekt viel Erfolg!

Am späten Mittag fuhren wir weiter Richtung Rostock, wo wir schon beim Staatlichen Amt für Umwelt und Natur, Abteilung Küste (StAUN) erwartet wurden.
Begrüßt wurden wir vom Amtsleiter des StAUN und BWK-Vorsitzenden des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Dipl.-Ing. Hans-Joachim Meier bei einer Tasse Kaffee. Anschließend brachte Dipl.-Ing. Fritz Altenkirch in einem sehr engagierten Vortrag die Besonderheiten des Küstenschutzes an der Ostsee uns näher.

Alle Küstenschutzanlagen haben das Ziel, den in ihrem Schutz lebenden Menschen weitesgehende Sicherheit vor dem Ertrinken und vor schweren materiellen Verlusten –selbst bei schweren Sturmfluten– zu gewährleisten. Durch eine schwere Sturmflut wären ca. 160.000 Einwohner in Mecklenburg-Vorpommern gefährdet.

Grundsätzlich gibt es für den Sturmflutschutz an der Außenküste von Mecklenburg-Vorpommern 2 System: die Sturmflutschutzdüne allein und die Kombination von Düne – Küstenschutzwald und Deich.

Die Küste Mecklenburg-Vorpommerns ist insgesamt 1.712 km lang, davon sind 354 km Außenküste und 1.358 km Boddenküste. 70% der Außenküste befinden sich in Abrasion, im Durchschnitt 34 m in 100 Jahren. Problematisch ist nicht dieser Mittelwert, sondern die punktuellen, extremen Ereignisse, an denen sich der Küstenschutz zu orientieren hat. Die Außenküste ist durch einen häufigen Wechsel von Steil- und Flachküste geprägt. Ein Wechsel von Steil- und Flachküste erfolgt durchschnittlich alle 7 km, so dass sich rund 50 Nahtstellen ergeben, die küstendynamisch gefährdet und oft potentielle Durchbruchstellen sind.
Für die Flachküste ist der Sedimenthaushalt auf Strand und Schorre – die Schorre ist der von Wasser überspülte und unmittelbar an den Strand grenzende Küstensaum – die wesentliche Größe für die Sicherung.
Sandmangel auf Strand und Schorre wird durch Aufspülungen und/oder durch den Bau und Unterhalt von Buhnen entgegengewirkt. In Mecklenburg-Vorpommern haben sich besonders einreihige Holzpfahlbuhnen bewährt, die quer zur Uferlinie 40 - 90 m ins Meer reichen. Hierdurch wird die uferparallele Brandungsströmung seewärts verlagert und innerhalb der strömungsberuhigten Buhnenfelder kann es zur Ablagerung von Sand und damit zur Verringerung der Wassertiefe führen. Den Wellen wird hierdurch bereits vor Erreichen des Strandes und der Dünen ein Großteil ihrer Kraft genommen.
Problematisch sind diese Holzbuhnen seit 1993, da zu dieser Zeit der so genannte Schiffbohrwurm –Teredo navalis– in die Ostsee eingedrungen ist und hier die aus Kiefernholz bestehenden Buhnen befällt und zerstört. Insgesamt sind durch den Teredobefall 410 von 1023 Buhnen sanierungsbedürftig! Nach vielen Versuchen von Imprägnierungen, Stahl, Beton und Kunststoff, hat sich als Übergangslösung nur FSC-zertifiziertes Tropenholz bewährt.

Am frühen Freitagmorgen, dem 3. Tag unserer Fachexkursion wurden wir bereits um 9.00 Uhr beim Wasser- und Schifffahrtsamt Stralsund, Verkehrszentrale Warnemünde erwartet. Hier durften wir bis in die Leitstelle vordringen, wo wir einen Einblick in die Tätigkeit der Schifflotsen gewinnen konnten, da von hieraus bis zur polnischen Grenze die überwachungspflichtigen Schiffe mit modernster Technik überwacht und gelotst werden.
Anschließend fuhren wir durch die Rostocker Heide, dem größten zusammenhängenden Küstenwaldgebiet in Deutschland nach Dierhagen. Hier wurde mittels Hopperbagger Sand vom Meeresgrund gewonnen und anschließend an den Strand gespült, um die Dünen und die Schorre zu verstärken. Die Düne hat so eine Breite von 45 m erlangt, die dann in erster Linie mit Strandhafer befestigt worden ist. Dieses Gras eignet sich deshalb so hervorragend hierfür, da es durch die gesamte Düne –bis zu 10 m- wurzelt. Insgesamt wurden hier ca. 290.000 m3 Sand vorgespült.
Anschließend fuhren wir die Küste weiter über Wustrow nach Ahrenshoop. Hier ist einer der vielen Übergänge von Steil- auf Flachküste.
Herr Altenkirch erläuterte uns die Wirkungsweise eines Wellenbrechers, eines küsten­parallelen Bauwerks aus massiven Steinpackungen, an dem sich die Wellenenergie bricht. Dies führt zur Ablagerung großer Sandmengen hinter dem Wellenbrecher und damit zur Stabilisierung der Küstenlinie. Des Weiteren konnten wir in dem sich nördlich anschließenden Strandbereich mehrere Kastenbuhnen sehen. Bei diesen Buhnen handelt es sich um zwei Pfahlreihen, zwischen denen Weidenfaschinen lagenweise eingebracht worden sind und die mittels Fertigbetonabdeckungen gesichert werden. Diese dichte ist hier notwendig, da nur so die erosiven Strömungen im ufernahem Bereich verringert werden können und somit der Sandkörper im Strand- und Unterwasserbereich vergrößert werden kann. Anschließend besichtigten wir noch eine Baustelle, an der neue Holzpfahlbuhnen gerammt wurden. Auch hier muss aufgrund der Schiffbohrwurmproblematik, die im Wasser stehenden Pfähle aus FSC-zertifiziertem Tropen­holz errichtet werden.

Am Samstag, den 30.04.2005 traten wir aus Markgrafenheide die Heimreise an. Durch unsere Fachexkursion haben wir viele neue Einblicke in die Küstenschutzproblematik an der Ostsee gewonnen. Auch wenn vielen von uns die Ostsee aus Sommerurlaubstagen als ein sehr ruhiges Meer in Erinnerung haben, kann hier der Wasserstand um bis zu 2,00 m über dem Normalmittelwasserstand ansteigen und sich Wellenhöhen von bis zu 3,00 m aufbauen. Dies sind dann gewaltige Kräfte die auf die Küste und deren Schutzeinrichtungen wirken und so gilt auch hier, wie an der Nordsee : „Wer nicht will deichen, der muss weichen!“

Einen herzlichen Dank an alle Referentinnen und Referenten, insbesondere Herrn Altenkirch von der Bezirksgruppe Küste des Landes Mecklenburg-Vorpommern für sein außergewöhnliches Engagement, sowie allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die dieser mehrtägigen Fachexkursion zum Erfolg verholfen haben.

Thomas Scholz

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